Können Sie sich vorstellen in einem Haus zu wohnen, das mit Hilfe von Klickstatistiken entworfen wurde? Das schwedische Immobilienportal Hemnet hat ein Haus präsentiert, das auf genau diese Weise entstanden ist. Es stellt mit dem „House of Clicks“ ein neues Hauskonzept vor, welches zwar von Architekten, aber basierend auf dem Verhalten seiner Portalbesucher, entworfen wurde. Wer nun ein Haus aus den in Deutschland bekannten Astrid Lindgren Filmen erwartet, der wird überrascht.

Bullerbü

Mit dem typischen schwedischen Landhaus hat der moderne Kubus nur die falunrote Verkleidung gemein. Doch die Verantwortlichen von Hemnet sagen, dass dies das Haus ist, von dem die Mehrheit der Schweden träumen.

Hausansicht Hemnet
Photo: Tham & Videgård Arkitekter

Woher kommen die Daten?

Für den Entwurf des Hauses analysierte Hemnet im Jahr 2014 zehn Monate lang die 200 Mio. Klicks der zwei Millionen Seitenbesucher. Dadurch erfuhr man u. a., welche Hausgröße 20 % der Schweden bevorzugen. Zusätzlich wurden die Bilder, der am meisten angeklickten Häuser regelmäßig ausgewertet. So konnten Rückschlüsse auf den Grundriss und die bevorzugte Einrichtung des „House of Clicks“ gezogen werden. Die Form des Hauses wurde von den entwerfenden Architekten bestimmt. Über technische Details wie z. B. die bevorzugte Beheizung oder Alter und Geschlecht der Seitenbesucher gibt es keine Informationen.

Wie möchten die Schweden leben?

Im Durchschnitt erträumt sich der Schwede laut Hemnet ein Haus mit ca. 104 m², 1 1/2 Stockwerken und vier Zimmern. Das Hemnet-Haus hält sich nicht exakt an diese Ergebnisse, hat es doch mit 120 m² und drei Zimmern auf zwei Ebenen etwas mehr Wohnfläche als gewünscht und statt des 4. Zimmers eine Dachterrasse.

Schnitt des Hauses
Foto: Tham & Videgård Arkitekter

Badezimmer

Die Seitenbesucher favorisierten Häuser mit ein oder zwei voll gefliesten Badezimmern sowie einem Gäste-WC. Die Dusche wird dabei der Badewanne vorgezogen. Das Hemnet-Haus präsentiert daher ein mit weißen Mosaikkacheln raumhoch gefliestes Bad. Die im Bad eingebaute Badewanne entspricht allerdings nicht dem Wunsch der Mehrheit.

Helles Badezimmer mit Oberlicht
Foto: Tham & Videgård Arkitekter

Mittsommer trifft auf winterliche Kaminabende

Um im Sommer die hellen Tage genießen zu können, gehört ein Balkon oder eine Terrasse zum Traumhaus der Schweden dazu.
Damit aber auch an dunklen und kalten Wintertagen Stimmung aufkommt, braucht das Traumhaus der Schweden auch einen Kamin.

Innengestaltung

Als Wandfarbe wird von den Schweden schlichtes weiß bevorzugt und beim Sofa tendiert man zur Farbe grau. Als Bodenbelag wird Parkett bevorzugt. Bei der Küche liegt eine offene Küche und Küchenmöbel in weißen Farbtönen vorne. Auch eine steinerne Arbeitsplatte darf nicht fehlen. Diese Wünsche wurden im Entwurf berücksichtigt: Der soziale Mittelpunkt des Hauses ist die offene Küche, die allerdings die doppelte Raumhöhe hat.

Küche im Hemnet Haus
Foto: Tham & Videgård Arkitekter

Wird dieses Projekt die Architektur grundlegend verändern?

Wer wie Hemnet über ausreichende Datenmengen verfügt, diese analysiert und die richtigen Schlüsse zieht, kann frühzeitig Wohntrends aufgreifen und passende Lösungen entwickeln. Dieses Beispiel zeigt, dass die Digitalisierung vor der Entwicklung von Fertighäusern nicht haltmacht. Da der Mehrheit der Architekturbüros diese Daten nicht vorliegen und die Kunden von einem Architekten Individualität erwarten können, werden Architektenhäuser auch künftig im persönlichen Kontakt mit den Auftraggebern entworfen.

Was bedeutet dieses Datenexperiment für Deutschland?

In Deutschland gibt es bislang kein vergleichbares Hausprojekt. Studien zeigen aber, dass sich das Wohnen in Deutschland je nach persönlicher Einstellung und Einkommen stark unterscheidet.

Erfahrungsgemäß bevorzugen manche Menschen die offene Wohnküche, andere mögen lieber eine große, abgeschlossene Küche. Die Möblierung ist dann je nach persönlichem Geschmack und Budget sehr unterschiedlich von einfacher MDF-Platte über glänzende Oberflächen bis hin zu rustikalem Echtholz ist alles vertreten.

Im Bad ist die Ausstattung gerne individuell und nicht jeder Bauherr mag einen raumhohen Fliesenspiegel. Wer Wert auf Barrierefreiheit legt, plant sein Bad noch einmal unter ganz anderen Gesichtspunkten.

Ein „Haus für alle“ zu entwerfen, dürfte daher schwierig sein. Und auch das vermeintliche Traumhaus aller Schweden hält sich nicht exakt an die Ergebnisse der Nutzerauswertung. Für das Haus gilt, dass es zwar aus dem Geschmack der Vielen berechnet wurde, es aber fraglich bleibt, ob es auch den Geschmack des Einzelnen trifft.

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